Rudolf Hildebrand
Der Augenblick. Kurzfassung der Ereignisse um den 17. Juni 1953 in Jessen, organisiert durch die Bauern aus Rade


Am 16. Juni 1953 spitzte sich die politische Lage in Berlin so zu, daß man von einem größeren Streik sprechen konnte. Durch vorbildliche Organisation der Streikleitung schlossen sich den Berliner Bauarbeitern noch andere Betriebe, auch aus den Randgebieten, diesem Aufruf an. Wir werteten diese Aktion so auf, daß wir ihn als den "Tag X" bezeichneten. Auf den "Tag X" hatten alle gewartet und es war der Tag, wo gehandelt werden mußte. Jeder von uns wußte, daß die Regierung bei ihrer Gesetzgebung und den folgenden Maßregelungen "die Schrauben überdreht hatte".

Bei uns im Dorf setzte sich das fort, was im Kreis schon zur Routine geworden war. Am 16. Juni wurde ein Bauer verhaftet. Eine weitere Bäuerin, deren Ehemann im Krieg gefallen war, wurde innerhalb eines Jahres nun zum zweiten Mal verhaftet. Keiner fragte nach den zwei schulpflichtigen Kindern, keiner fragte, wie soll es in der Wirtschaft weiter gehen? Wir waren zur Hilfeleistung nach Axien gerufen worden. Hier kursierte die Nachricht, daß aus Axien mehrere Familien zwangsevakuiert werden sollten. Wir halfen dem Cousin, wertvolles Mobiliar und andere Wertsachen (Haushaltsgeschirr) auf Wagen zu verladen und in Sicherheit zu bringen. In anderen Orten wie Gerbisbach und Prettien war diese Zwangsmaßnahme bei vier Familien praktiziert worden. Es bedurfte keiner weiteren Frage. Die Verhaftungen nahmen zu - wie auch die Verurteilungen. Die Verhaftungen erfolgten nur nachts, man wollte durch den physischen und psychischen Terror die Bauern in einer ganzen Region damit weich machen. Analog flüchteten viele bäuerliche Familien in Richtung Westen, um nicht den Torturen ausgesetzt zu sein.

Nun war auf der Dorfstraße (sonst nicht üblich) eine große Menschenansammlung. In kleineren Gruppen wurde mehr oder weniger heftig diskutiert. Diese Diskussionen waren erstmalig und es gab Schlaumeier genug. In dieser Situation sonderten wir vier Bauern uns ab. Es wurde ernsthaft und sachlich diskutiert. Wir merkten gar nicht, daß wir übereinstimmend gleiche Meinungen hatten. Daß es aber schon dunkel wurde und wir nur noch allein waren, erschrak uns schon. Wir verzogen uns zur Sicherheit in einen Pferdestall.

Diese Nachrichten [aus Berlin] waren eine einzige Chance und es mußte ernsthaft etwas passieren. Wir hatten Krieg und Gefangenschaft durchlebt und hegten keine Illusionen. Ernsthaft, sachlich wurden alle Risiken einer Demonstration im Jessener Kreml erwogen. Unter den Bedingungen der Besatzungsmacht mußte detailliert jedes Für und Wider angesprochen werden. Auch jeder überlegte Ratschlag wurde durchgesprochen. Es war kein Sandkastenspiel, deshalb durfte keine Frage offen bleiben. Ziel war eine Demonstration in Jessen. Dazu waren aufrichtige Bauern nötig. Sie waren vorhanden, aber verstreut in vielen, vielen Dörfern. Auch für diese Organisation möglichst viele Bauern herbei zu schaffen, wurde nochmals gründlich diskutiert. Durch die sachliche Bereitschaft von uns vier Bauern wurde auch hier eine Lösung gefunden. Bereitwillig übernahm jeder von uns die Aufgabe: Jeder fährt in eine [andere] Himmelsrichtung und versucht, in jedem erreichbaren Dorf zuverlässige, aufrichtige Bauern aufzusuchen. Jeder von uns wußte, wer die Ansprechpartner mit der inneren Festigkeit sein würden. Wir vermittelten unsere vorsorglich diskutierten Pläne. Diese sollten schon am nächsten Morgen, am 17. Juni in Jessen auf dem Markt beginnen. Auch hier wurden die Ziele und Aufgaben genauesten durchgesprochen. Wir wollten mit unseren Forderungen in sechs Punkten gegliedert, direkt mit der Funktionärsclique verhandeln: "Aufhebung des Schlachteverbotes, Aufhebung von Zwangsevakuierungen, Aufhebung der Devastierung, Streichung der aufgelaufenen Planwirtschaftsschulden und die Freilassung aller inhaftierten Bäuerinnen und Bauern". Wir hatten den innerlich aufbauenden Eindruck, als wartete jeder auf ein solches Zeichen. Wir wiederum erhofften uns aus dieser Erkenntnis einen gewissen Domino-Effekt. Jeder trug diese Nachrichten in die entlegensten Höfe. Diese nächtliche Fahrt war kräfte- und nerven-zehrend und die Zeit lief uns davon.

Der Treffpunkt war für 8.00 Uhr früh auf dem Markt in Jessen festgelegt. Äußerste Disziplin war die Devise und das Markenzeichen dieses Tages. Als einige hundert Bauern versammelt waren, begaben wir uns zum Kreml, dort sollte mit den Funktionären deutlich deutsch gesprochen werden. Als wir dort ankamen, erwarteten uns schon die Funktionäre. Es sah nach einem großen Empfang aus. Sie waren aber schon gründlich vorbereitet. Ehe wir ein Wort sagen konnten, sollten wir nach allen Regeln des Sozialismus gemaßregelt werden. Hierbei wollte man uns sagen, daß es keine Demonstration, sondern eine Zusammenrottung von Klassengegnern sei und diese mit harten Strafen verbunden sei. Die Funktionäre verfielen in einen Ton, den wir nicht als politischen Nachhilfeunterricht werteten, sondern als Drohung.

Wir waren drei Sprecher, einer davon war ich. Wir ließen uns aber nicht provozieren, erst Recht nicht auseinander dividieren. Ich konterte mit noch lauterer Stimme: "Unter euch SED-Genossen sind mehr ehemalige Nazis, als Sie, Herr Bergemann, glauben." Ich zählte sofort mit Namen und Adressen und früheren NS-Dienstgraden einige jener Funktionäre auf. Dann war einige Minuten Funkstille, aber wir hinterfragten zwischendurch nach diesem oder jenem Namen, mit dem Zweck, noch mehr Unsicherheit in dieses Chaos zu bringen. Einigen stand im Gesicht geschrieben, daß sich ihr abgemeldetes/verschwiegenes Gewissen wieder zurückmeldete. Das Verhalten dieser Funktionärsclique zeigte zunehmende Verunsicherung. Unsere Worte hatten den richtigen Nerv getroffen. Ich kannte einige Genossen schon seit der Hitlerzeit 1933, aus diesem Disput wurde ein Heimspiel. Von uns wurden in sechs Punkten zusammengefaßte Forderungen gestellt. Ohne Zeitverzug, das heißt unter dem bestehenden Druck, sollte die Realisierung erfolgen. Lange Verzögerungen durch Unterredungen unter den Funktionären waren von uns nicht gewollt. Dennoch war die Funktionärsclique letztlich zwar widerwillig, aber doch bereit, Einvernehmen zu zeigen. Ein erstes Zeichen waren die mündlichen Zusicherungen der Beendigung der Zwangsevakuierung, die Beendigung von Verhaftungen jeglicher Art, die Beendigung von Devastierungen (fremde Bewirtschaftung durch Dritte), Erlassung der aufgelaufenen Planschulden, sofortige Ausgabe von Schlachtescheinen. Hierbei waren die eifrigsten Genossen bei der Heranschaffung von Tischen und Stühlen diejenigen, die ich kurz zuvor mit Namen genannt hatte: Gen. Ui. Dö., He. Leh. Bey. Die zugesicherte Tragweite wurde von vielen noch nicht richtig erkannt.

Der wichtigste Punkt des waghalsigen Unternehmens war die Befreiung der Inhaftierten. Hierzu forderten wir den Staatsanwalt mehrmals auf, nachdem es lautstark verkündet war: Die Freilassung aller Inhaftierten. Der Staatsanwalt zeigte sich immer nervöser und seine Hautfarbe wechselte ständig. Versteinert waren seine Gesichtszüge, ein Kopfschütteln die Antwort. Unsere Aufforderung: "Herr Staatsanwalt, Sie sind gefragt." Dabei zupfte ich an seinem Rockärmel. Die Kulisse von über 500 Bauern wurde unruhig. Plötzlich riefen die Massen laut, aber noch diszipliniert: "Hängt das rote Schwein auf!" Eine andere Gruppe rief noch lauter: "Schlagt den roten Hund tot!" Wie kam es, daß dieser Mann seinen Standpunkt fast bis zum letzten Augenblick nicht änderte? Ohne unser Wissen war in der Nacht unsere gesamte Demonstration verraten worden. Aus Archiven, die heute zuverlässiges Material liefern, wurden Unterlagen über diese Verräter gefunden. Nun erklärt sich auch das eisige Verhalten des Staatsanwaltes. In dieser Nacht wurde in allen Dienststellen Großalarm ausgelöst. Auch ein Truppenteil der Roten Armee wurde mit MPs bewaffnet in Einsatzstellung gebracht. Sie besetzten alle Räume des Schlosses und hinter jedem Fenster, mit Sicht zum Innenhof, war Schußfeld geschaffen worden. Der Staatsanwalt war eiskalt berechnend. Seine Hoffnung war, daß wir uns zu Randale hinreißen lassen würden. Es wäre die Stunde des Staatsanwaltes gewesen, entsprechende Befehle zu geben, daß die Rotarmisten eingreifen sollten. Unser Appell galt der Disziplin, immer und immer wieder wurde sie jedem eingehämmert. Die Absicht des Staatsanwaltes ging ins Leere. Plötzlich entschloß sich dieser Mann zu einem Gespräch. Seine Frage lautete etwa: "Wie soll die Fahrt zur Freilassung erfolgen?" Daraufhin kam unsere Antwort: "Sie haben dafür gesorgt, daß unzählige Bäuerinnen und Bauern inhaftiert wurden und Sie wissen auch, in welchem Zuchthaus sich die Häftlinge befinden." Wir baten den Fuhrunternehmer Matthes, der seine Fahrzeuge in der Nähe abgestellt hatte und unter den 500 Demonstranten war, für eine solche Fahrt bereit zu sein. Bereitwillig holte er seine Fahrzeuge vor Ort. Nun baten wir dieses Scheusal - den Staatsanwalt - in einen LKW zu steigen. So fuhr ein Mann von uns vieren zu unserer Sicherheit mit. Die schnelle Reaktion des Staatsanwaltes ersparte ihm einige harte Schläge von Bauernfäusten. Den letzten der sechs Punkte hatten wir auf den Weg gebracht. Noch war nicht klar, ob die diplomatisch sorgfältig vorbereitete Aktion zum Erfolg führte. Es würden einige Stunden der Ungewißheit vergehen. Noch hatten wir alles im Griff, waren auch mit dem bisher Erreichten zufrieden. Die Verhandlungen im Schloßhof beendeten wir ohne weitere Diskussionen. Wir zogen erleichtert zum Marktplatz zurück. Wir drei verbliebenen Anführer bekamen durch zwei freiwillige Bauern gute Unterstützung.

Wir konnten die Massen von über 1.000 Bauern nicht dem Selbstlauf überlassen, um bis zur Rückkehr der LKWs zu warten. Außerdem kamen immer noch mehr Zugänge hinzu. Es wäre nun für manchen leicht gewesen, irgendwelche unliebsamen Handlungen vom Zaun zu brechen und Unruhe in die sich diszipliniert verhaltende Masse zu bringen. Um die Jessener Bevölkerung über den Sinn und Zweck unseres Hierseins zu informieren, beschlossen wir kurzfristig eine Demonstration durch die Stadt Jessen. Wieder waren kurzfristige Entscheidungen notwendig. An der Spitze des Demonstrationszuges bildeten wir mehrere Sprechchöre mit je zwei Verantwortlichen. Diese gaben auch die Themen als Losung bekannt, die wir vorher abgesprochen hatten. Zunächst begab sich unser Demonstrationszug in die Straßen südwestlich der Elster. Die an den Straßenrändern stehende Jessener Bevölkerung bildete aus Sympathie ein begeistertes Spalier. Auch die Demonstranten wurden sich ihrer Aufgabe immer bewußter und damit kam auch die Begeisterung offen zum Tragen. Aber plötzlich bemerkten wir, daß sich die Sprechchöre im Eifer selbst außer Kontrolle brachten. Die einfache Erklärung unsererseits war, daß noch keiner so etwas erlebt hatte, es überhaupt noch keine Demonstrationen gegeben hatte. Die Beteiligten wollten dabei ihren berechtigten Frust ablassen. Die monotonen Stimmen der Sprechchöre animierten dazu, andere zu überstimmen und gerieten dabei ungewollt in ekstatisches Verhalten. Jeder von uns bangte, daß die Verhaltensweisen in Pöbelhaftigkeit ausarten könnten. Um keinen Preis durfte das unserer gelungenen Demonstration unterstellt werden können.

Wir ließen den Zug an der Elsterbrücke zum Halt bringen und wollten beruhigend auf die Massen einwirken. Plötzlich hatte einer aus dem Demonstrationszug die geniale Idee: Wir müßten Transparente haben! Dieser Gedanke war ein Geschenk des Himmels, sofort wurden von uns diese Gedanken aufgegriffen und umgesetzt. Ganz in der Nähe befanden sich zwei Handwerksbetriebe. Einer davon war ein Malergeschäft, der andere ein Möbelbaugeschäft. Sie waren in der Lage, Transparente anzufertigen. Unsere Vorsprache bei den Meistern stieß auf begeisterte Bereitschaft. Beide Meister überlegten keine Minute und mit unserer Hilfe der Textvorgaben waren in kürzester Zeit zehn Transparente angefertigt. Sie bestanden zwar nur aus Tapetenpapier, Farbe für den Text und je zwei Holzleisten. Voller Begeisterung wurden die Transparente an die nun etwas beruhigte Masse verteilt. Die Träger dieser Transparente waren stolz darauf. Sie wurden auch mit Stolz getragen und behandelt, als wäre es ein Heiligtum.

So gerüstet, bewegte sich der Demonstrationszug durch die ganze Stadt. Sichtbar war nun die jeweilige Losung auf den Transparenten, damit bekam alles ein anderes Gesicht. Der Sinn und Zweck der ganzen Veranstaltung hatte nun einen Stellenwert. Nur sehr wenige hatten bis dahin von den Ereignissen auf dem Schloßhof erfahren. Nun erst wurde die Jessener Bevölkerung aufmerksam, um welche Zielstellungen es sich handelte. Das erste Transparent hatte die Aufschrift: "Wir fordern freie geheime Wahlen für alle Deutschen". Das zweite Transparent hatte die Aufschrift: "Beseitigung der SED-Kreisverwaltung". Viele Sympathierufe schallten uns entgegen. Es kamen auch einige Sympathisanten aus den Betrieben, die sich dem Zug anschlossen. Weil die Begeisterung auch in den Betrieben groß war, bewegte sich der Demonstrationszug bis zu den Ziegeleien der Gorrenberge.

Nach 13.00 Uhr beschlossen wir, eine verdiente Ruhepause einzulegen. Leider waren die Getränke in den Geschäften sofort ausverkauft. Auf Initiative von Jessener Frauen wurden schnellstens Teegetränke zubereitet und verteilt. Völlig abgekämpft warteten die Massen auf die nun bald zu erwartenden LKWs. Es kam zu keinerlei Ausschreitungen während der Wartezeit. Tatsächlich vernahm man aus der Ferne Geräusche von Holzvergasermotoren. Nach einiger Zeit kamen die Fahrzeuge, beladen mit dem größten Triumph des Tages - den nun befreiten 30 Häftlingen. Sie wurden unter unbeschreiblichem Jubel empfangen. Um der Stunde gerecht zu werden, hätten eigentlich die Kirchenglocken läuten müssen. Unser Freudenjubel sollte aber nicht lange währen. Bald erschienen sowjetische Panzer, sie blockierten alle Zugangsstraßen zum Markt. Einer der Panzerkommandanten stieg aus und kam auf unsere größere Gruppe zu.

Der Panzerkommandant forderte gestikulierend, aber mit Bestimmtheit die Räumung des Marktplatzes. Alle verließen diszipliniert den Platz. Im tiefsten Innern beseelt von dem großartigen Erfolg, begaben wir uns auf dem Heimweg. Dort warteten auf dem Hof noch viele Pflichten. Noch in der Nacht wurde uns mitgeteilt, daß man unseren Mitstreiter H.U.K. soeben abgeholt, also verhaftet hatte. Nun gab es für uns drei kein Zögern mehr, wir mußten schnellstens die Flucht ergreifen. So schnell mußte der Abschied von der Familie sein. Viele Wochen waren wir auf der Flucht. Ständig wechselten wir den Standort und fanden immer wieder hilfsbereite Bekannte, Freunde und Verwandte, die uns gut versorgten. Wir richteten einen gut funktionierenden Kurierdienst ein, dieser bestand aus zuverlässigen Bauernjungen. Damit sicherten wir die Verbindung nach Hause zur Familie mit dem Austausch von Nachrichten. Leider brachten uns diese Jungen schon am dritten Tag eine schlimme Nachricht: Am Morgen des Vortages waren drei Überfallkommandos gekommen, hatten unsere Höfe umstellt und gesichert - sie hatten uns gesucht und dabei eine gründliche Haussuchung gemacht. Da wir nicht zu finden waren, verwickelten diese Stasileute unsere Väter und Schwiegervater in Drohgespräche. Die alten Herren ließen sich von solchen Banditen nichts unterstellen, erst recht keine Anschuldigungen. Diese Banditen legten meinem Schwiegervater und dem Vater von H.D.H. Handschellen an, und als Verhaftete wurden sie nach Cottbus gebracht. Das war ein harter Schlag für unsere Familien. Nun war keine männliche Kraft mehr am Hof, die Frauen mußten mit dem Schock allein zurecht kommen. Es waren große Leistungen, die von ihnen vollbracht wurden. Hilfen bekamen sie von Verwandten und Nachbarn.

Nicht der angekündigte "Neue Kurs" von Ulbricht brachte für uns eine Erlösung, sondern die revolutionären Machtkämpfe waren ausschlaggebend. Die Machtkämpfe verbreiteten sich in dem Arbeiter- und Bauernstaat, denn hier waren Machtkämpfe im Justizapparat der Unruheherd. Justizminister Max Fechner hatte eine Generalamnestie erlassen, alle diejenigen Beteiligten am 17. Juni, die nicht randaliert und keine Sabotageakte verübt hatten, gingen straffrei aus. Desweiteren wurde Ulbricht von den sowjetischen Machthabern wegen seiner groben Innenpolitik gemaßregelt. Wären solche Unruhen im Grenzgebiet der westlichen Alliierten geschehen, wären Konflikte der Weltmächte nicht ausgeblieben. Nun wurde Max Fechner, der schon lange auf der Abschußliste stand, abgesetzt und inhaftiert. Endlich kamen die Rote Hilde und Erich Mielke zum Zuge, und Ulbricht wurde langsam zur Marionette. Dieses von Ulbricht wahrgenommen, machte ihn innenpolitisch noch gefährlicher. Wir gingen durch die Amnestie straffrei aus. Dafür nahmen die Schnüffeleiaktionen durch die Stasi ständig zu.


[Quelle: Bericht von Rudolf Hildebrand, enthalten in: Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt, Materialerhebung zum 17. Juni 1953, Magdeburg 2002]