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Karl Ruhnke
17.7.1891 - 17.6.1953
gest. um 20.00 Uhr in Halle am Thielenbahnhof (Oberer Bahnhofsvorplatz)
Karl Ruhnke wird am 17. Juli 1891 geboren, er ist 61 Jahre alt und Beamter der Bahnpost,
als er sich am Abend des 17. Juni 1953 auf den Weg macht, um seine Nachtschicht anzutreten.
Auf dem von Kriegsschäden schwer gezeichneten "Thälmannplatz" versuchen Demonstranten,
das "weiße Haus" zu stürmen, den Sitz der SED-Kreisleitung Halle.
Sie werden von Betriebsschutz und Volkspolizei mit gezogenen Pistolen erwartet.
Mehrere Schüsse peitschen über den Thälmannplatz. In der offiziellen Mitteilung
der Polizei sind das Warnschüsse, andererseits melden interne Berichte, dass mindestens zwei
Personen angeschossen worden seien. Karl Ruhnke trifft es so schwer, dass er noch auf dem Weg
in die Klinik stirbt: als ein offenbar Unbeteiligter, der, wie die Polizei bald ermittelt hat,
den ganzen Tag zu Hause war, und nichts provokatorisches im Schilde führte, als er die Wohnung verließ.
Hier greift keine der gängigen Sprachregelungen. Spuren von Unsicherheit finden sich
in den Dokumenten. Da heißt es: "In der Nähe der Kreisleitung am Thälmann-Platz
wurde er durch" - hier stockt der Schreiber, streicht das Wort "durch" und setzt fort
"angeschossen und verstarb später". (1)
In einem polizeilichen Fernschreiben vom 21. Juni wird von besonderen Vorkommnissen auf dem
nächtlichen Südfriedhof berichtet, eine makabere Realsatire: Da wird nach Mitternacht
ein Volkspolizist vor der Leichenhalle, in der auch Karl Ruhnke aufgebahrt ist, von einem
Katapultgeschoß getroffen. "Durch den anderen Genossen wurden mehrere wahllose Schüsse
in die Dunkelheit abgegeben, da er nichts erkennen konnte."
Da hört ein Genosse der VP eine Flüsterstimme von der Mauer her. "In der Annahme dass
es sein Zugführer sei, begab er sich nach dort und erhielt einen Schlag gegen den Kopf." -
Nun wird die Friedhofsmauer umstellt. "Vom Absuchen des Friedhofsgeländes mußte
zunächst Abstand genommen werden, da das Einsatzkommando keine Taschenlampen mitführte."
Immerhin gelangt man zu einer messerscharfen Folgerung: "In der Leichenhalle des Friedhofes liegt
zur Zeit ein Leichnam (gestrichen: von den Toten, die am 17.6. zu Stande gekommen waren) eines
Provokateurs vom 17.6.1953. Es liegt also auf der Hand, dass diese Provokation mit der vorgesehenen
Beisetzung in Zusammenhang zu bringen ist." (2)
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1 |
Vorschlag zur Beisetzung der Opfer vom 17.6.1953, 22.6.1953, in: LHASA, Abt. Merseburg, BdVP Halle, Rep. 19, Nr. 74, Bl. 95 ff. |
2 |
LHASA, Abt. Merseburg, BDVP Halle, REP 19, Nr. 74, Bl. 50 RS. - Bestattet wurde Karl Ruhnke am 24. Juni 1953 um 10.00 Uhr auf dem Südfriedhof in Halle (Abt. 40, Reihengrab 577). Das Grab ist nicht mehr vorhanden. |
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