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Friedrich Schorn
Der 17. Juni 1953 in den Leuna-Werken
[Friedrich Schorn, damals 39 Jahre alt, war 1953 Rechnungsprüfer und einer der Streikführer in den Leuna-Werken. In den Tagen danach gelang es ihm, sich seiner drohenden Verhaftung durch Flucht nach West-Berlin zu entziehen.]
Die Leunawerke beschäftigen 28.000 Menschen. Es ist das größte Werk in der sowjetischen Besatzungszone. Am Mittwoch, dem 17. Juni, auf dem Wege zum Arbeitsplatz, wurde auf Straßen und in Straßenbahnen bereits heftig über die Vorgänge in Berlin diskutiert. Im Bau 15 der Leunawerke wurde die Arbeit nicht aufgenommen. Arbeiter des Baues schickten in die anderen Betriebe unseres Werkes ihre Vertrauenspersonen mit dem Auftrag, "gute Leute" möchten in den Bau 15 kommen zu einer Besprechung.
Um 8.15 Uhr sprach im Werkfunk der Kreissekretär der SED, Hertel, und gab allen Leuna-Arbeitern bekannt, daß die Regierung die Normen zurückgenommen habe. Doch forderte er gleichzeitig zur freiwilligen Erhöhung der Normen auf. Als er dies sagte, begann lautes Gelächter unter den Angestellten meiner Abteilung. Die Kreisleitung der SED schickte sogleich Agitatoren in die einzelnen Betriebe, welche mit den Arbeitern über die freiwilligen Arbeitsnormen diskutieren sollten. Im Bau 15 kamen die Agitatoren gar nicht dazu, den Mund aufzumachen. Sie wurden bei Betreten des Raumes hinausgedrängt.
Alle Arbeiter des Baues 15 verließen nun ihre Arbeitsplätze und gingen auf den Hof vor den Bau 24. Unterwegs nahmen sie jeden, den sie antrafen, mit. Viele Arbeiter übernahmen es sogleich, die Werkangehörigen in den anderen Betrieben zu verständigen. Ohne daß irgendeine Absprache getroffen war, fanden sich sofort genügend Leute, welche selbständig das Notwendige taten. Nach wenigen Minuten war der Hof mit allen anwesenden Werkangehörigen - etwa 20.000 - angefüllt. Ohne beauftragt zu sein, ordnete ich an, daß sofort ein Lautsprecherwagen geholt werden müsse. Der Verwahrer wollte ihn uns nicht herausgeben und mußte erst in den Schalterraum hinuntergezogen und dort überwältigt werden. Den SED-Funktionären, welche im Schaltraum die Sicherungen herausgenommen hatten, sagte ich: "Wollt ihr totgeschlagen werden? - Fügt euch freiwillig!" Die Sicherungen wurden mit ihrer Hilfe wieder eingedreht, und wir erhielten den Schlüssel zum Lautsprecherwagen.
Während das Streikkomitee seine Beschlüsse faßte, setzte ich mich an die Spitze der 20.000 Betriebsangehörigen, und wir zogen nach Merseburg. Bauarbeiter, Straßenbahner, Fabrikarbeiter, Vopos, Hausfrauen und andere Zivilisten reihten sich noch ein. Voran ging eine Malerkolonne der Leuna-Werke, die in Blitzesschnelle die alten Parolen abriß und die Wände mit unseren Freiheitslosungen bestrich. Mehrfach wurden alle drei Strophen des Deutschlandliedes und Brüder zur Sonne zur Freiheit gesungen. Als gerade die letzten Demonstranten der Bunawerke den Uhlandplatz erreicht hatten, traf unser Zug mit seiner Spitze ein. Ein ungeheuerlicher Jubel setzte ein. Fremde Menschen, jung und alt, fielen einander in die Arme, und viele weinten. Es war ein Begrüßungstaumel, der nicht enden wollte. Wir hatten auf dem Uhlandplatz drei Lautsprecherwagen und konnten verständlich zur ganzen Menge sprechen. Es waren etwa 100.000 Menschen. Zunächst sprach ein Mann von den Buna-Werken gegen die SED-Tyrannei. Anschließend gaben wir unter großem Beifall unsere Freiheitslosungen bekannt. Doch rief ich gleichzeitig zur Disziplin auf und forderte auf, nichts zu unternehmen, wodurch die sowjetische Besatzungsmacht sich provoziert sehen könnte. Zahllose Bürger traten an uns heran und baten um "Einsätze". Sie sagten dem Sinne nach: Ich bin zu allem bereit, sei es noch so gefährlich und koste es, was es wolle. Der Buna-Streikleiter schickte 200 - teilweise ausgesuchte - Männer zur Papierfabrik Königs-Mühle mit dem Auftrag, dort die von Vopos bewachten Arbeiter zu befreien. Kommandos zur Besetzung der Stadt- und der Kreisverwaltung wurden fortgeschickt. Später wurde uns gemeldet, daß alles gelang. Damit der Streik diszipliniert und planmäßig durchgeführt wird und damit alle Betriebe beteiligt sind, rief ich auf, ein Streikkomitee zu gründen, das sich aus Angehörigen aller Betriebe aus Magdeburg und Umgebung zusammensetzen sollte. Durch Zurufe aus der Bevölkerung wurde ein etwa 25köpfiges Gremium aus der Menge gewählt und mit Applaus begrüßt. Ein befreiter Bulgare und ein Deutscher sprachen zur Menge und dankten ihren Befreiern und der Bevölkerung. Als die Menge erfuhr, daß unter den Befreiten ein zehnjähriger Junge und eine Frau mit einem zwei Jahre alten Kinde war, setzten minutenlange Drohrufe wie "Mörder", "Schlagt sie tot" ein. Das Echo durch die Häuser machte die Anklage des Volkes furchtbar und unheimlich.
Nun wurde mir gemeldet, daß sowjetische Truppen das Gefängnis, aus welchem wir die politischen Gefangenen befreit hatten, inzwischen besetzten und Neuverhaftete eingeliefert waren. Ich rief auf, sich zum Gefängnis in Marsch zu setzen. Als die wütende Menge angewalzt kam, zogen sich die Sowjets in die Haftanstalt zurück, und unmittelbar darauf erschienen die Neuverhafteten als Befreite. Inzwischen war es 16.00 Uhr geworden, und ich ordnete für alle Betriebsangehörigen den Rückmarsch in die Betriebe an, damit dort die Streikforderungen erzwungen werden können. Ich fuhr voraus in die Leunawerke, wo ich leider feststellen mußte, daß das Streikkomitee des Werkes sich nur mit innerbetrieblichen Aufgaben befaßt hatte. Da kamen auch schon die ersten sowjetischen Lastwagen mit Fliegern in Infanterieausrüstung im Werk an.
Die empörte Menge beschrie die Soldaten mit Pfuirufen. "Was wollt ihr hier, macht, daß ihr fortkommt!" "Nennt ihr das Demokratie?" Andere Betriebsangehörige riefen: "Laßt die armen Kerle, die wollen genauso frei sein wie wir. Was können die dafür, daß sie hier sein müssen." Die Soldaten waren zum Teil noch Kinder, waren ängstlich und eingeschüchtert. Ich sprach mit einem und erfuhr, daß sie überhaupt nicht wußten, um was es geht. Ein Offizier schien die Situation jedoch besser zu durchschauen und sagte: "Gut so, weitermachen, in einem Jahr sind wir in Rußland auch soweit."
Rund 800 sowjetische Soldaten waren eingerückt. Ich suchte sofort den Sowjetoberst auf, und meine erste Frage war: "Haben Sie Befehl erteilt, daß die Soldaten schießen dürfen?" - "Nein", sagte er. - Ich sagte: "Ich genieße hier so viel Autorität, daß - wenn ein einziger Schuß fallen wird, Sie diese Fabrik nicht lebendig verlassen werden." Der Oberstleutnant sagte nichts. Meine zweite Frage war: "Was sollen denn die Sowjetsoldaten hier?" Seine Antwort war, daß diese Soldaten nur da seien, um die sowjetischen Betriebsangehörigen, welche waffenlos und Zivilisten seien, zu beschützen. Ich antwortete, daß ich eine Respektierung der Arbeiter verlange und es darum zweckmäßiger sei, die Soldaten im Bau 15 in der Nähe der sowjetischen Betriebsangehörigen unterzubringen. Der Oberst willigte ein, und ich ging nun gleich ans Mikrofon und gab dem ganzen Werk bekannt, daß die Generaldirektion sich bereit erklärt habe, die Soldaten außerhalb des Werkes zusammenzuziehen. Nun mußten wir aber feststellen, wie gemein wir betrogen worden waren, denn es kamen nun immer mehr Soldaten und Offiziere, die gleichmäßig das Werk besetzten. Mehrfach hatte ich dem sowjetischen Offizier versprochen gehabt, daß wir vollste Disziplin wahren würden, und in seiner Gegenwart hatte ich mehrfach die Menge zur Disziplin aufgerufen.
In der Nacht ging ich nicht nach Hause, da ich mit meiner Verhaftung rechnen mußte. Durch einen Freund erfuhr ich, daß in der Nacht zweimal ein Polizeiauto in der Nähe meiner Wohnung vorfuhr und daß das Haus umstellt worden sei.
Dennoch ging ich am anderen Morgen in den Betrieb. Ich war gewiß, daß die Sowjets es nicht ohne weiteres wagen würden, mich vor der Belegschaft zu verhaften. Nun mußte ich feststellen, daß in der Nacht viele weitere Hunderte von Soldaten und mindestens 200 Pak-Geschütze und etwa 20 Panzer gekommen waren und in dem Werk Aufstellung genommen hatten. Unsere sämtlichen Streikposten waren entfernt, und die von uns am Vortage entwaffnete Werkspolizei war wieder bewaffnet. Die SED-Funktionäre verteilten Flugblätter, in denen die Betriebsangehörigen aufgefordert wurden, die "Agenten", "Rädelsführer" und "Provokateure" zu melden. Meine Arbeitskameraden waren bitter enttäuscht, daß das die Antwort auf unser faires Verhalten war. Ich erfuhr, daß von der 30köpfigen Streikleitung nur vier gekommen sind. Die anderen waren verhaftet oder geflüchtet. Ich besprach noch einige Einzelheiten mit Freunden, die mir halfen, das Werk zu verlassen, so daß ich nicht in die Fänge des SSD fiel und nach West-Berlin flüchten konnte.
[Quelle: Ilse Spittmann/Karl Wilhelm Fricke (Hg.), 17. Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR, 2. erweiterte Auflage, Köln 1988, S. 140-42]
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